03. MÄRZ 2024

Gedanken zum 3. Sonntag der Passionszeit

"Meine Augen sehen stets auf den Herrn." Psalm 25, 15

 

Psalm 25 ist Davids Gebet um Vergebung und um Leitung.

David weiß, dass er Schlimmes getan hat. Er gesteht sich sein Versagen vor ethischen Standards ein und fleht um Gottes Vergebung. Doch auch von Davids Vertrauen zeugt dieser Psalm, von der Zuversicht, angenommen zu sein trotz aller auf sich geladenen Schuld.

David ahnt, wo sich Auswege auftun können aus Orientierungslosigkeit, Angst und unguten Verstrickungen. Wege scheinen auf, wenn man den Blick anders konzentriert. In Davids Worten:  „Meine Augen sehen stets auf den Herrn“.

Seine Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber und sein Schauen „auf den Herrn“ lassen ihn erkennen, was wirklich wichtig ist. Und aus diesem Wissen und diesen Erfahrungen schöpft er seine Kraft.

 

Wohin schauen wir?

Wir alle werden uns an Phasen oder Situationen im Leben erinnern, in denen wir verwirrt waren, in denen wir unseren inneren Kompass verloren haben. Vielleicht haben wir Orientierung an ganz falschen Stellen gesucht.

An die Bahnhofsmission wenden sich oft Menschen, die gerade tief drin stecken in solchen Phasen. Die ihren Halt verloren oder noch gar nicht gefunden haben. Und es begegnen uns viele Wege, damit umzugehen.

 

Manche Gäste erzählen fast jeden Tag das Gleiche. Gespräche drehen sich im Kreis, oft wird nur Negatives gesehen, viel Nörgeln und Schimpfen. Das macht Zuhören anstrengend: Man kennt die Geschichten, spürt, wie sich das Gegenüber hinter Floskeln und Sprüchen versteckt. Und doch ist vielleicht gerade hier wichtig, einfach da zu sein. Manche haben es nie gelernt, anders zu kommunizieren oder sind gehemmt von starken Ängsten. Dies müssen wir erst einmal akzeptieren.

 

Andere sind sehr aufrichtig in ihrer Verzweiflung. Diese oft guten Gespräche hallen lange in mir nach. Weil ich Mitgefühl spüre, aber auch Respekt vor der Offenheit des Gastes und Dankbarkeit, dass mich eine fremde Person so teilhaben lässt an ihrem Innenleben.

Wo hier Auswege, wo Orientierung zu finden sind, ist äußerst unterschiedlich – so unterschiedlich wie die Menschen selbst.

 

Es begegnen mir aber auch Menschen in der Bahnhofsmission, die Wissende sind auf ihre Art. Menschen, die zwar nie ein Leben führen werden, das nach bürgerlichem Maßstab als „gelungen“ gilt. Menschen, die sich nah am Abgrund bewegen, oft durch Drogen, Alkohol, psychische Verwundbarkeit. Die immer wieder abstürzen und sich immer wieder fangen.

Gerade diese Erfahrungen und das Ehrlich-Sein zu sich selbst scheinen aber ihren inneren Kompass auszurichten. Ich denke hier an die Gäste, die trotz – oder wegen – aller Zerrissenheit doch ihren Werten folgen, die offen bleiben für andere und dem Leben zugewandt.

Ob in religiösem Sinn gelesen oder metaphorisch: Der eindringliche Psalm Davids, vor Jahrtausenden verfasst, könnte auch ihr Gesang sein. Und derjenige von uns allen, wenn wir Gefahr laufen, wieder einmal die Orientierung zu verlieren.

 

28.2.2024, Daniela Stumpe, BM Tübingen

Daniela Stumpe

Leiterin der Bahnhofsmission Tübingen